Rundkirche Berlin-Tempelhof Wolffring 72, 12101 Berlin
30 minutes of organ music on the modified Karl Schuke organ, 1957/1965/1992/2016
Programm
Johann Sebastian Bach (1685–1750) Schafe können sicher weiden BWV 208 ———- Johann Sebastian Bach (1685–1750) Wer nur den lieben Gott lässt walten BWV 647
Andries van Rossem (*1957) Oneliner (2014) über den gregorianischen Hymnus „Urbs Jerusalem beata“
Jacques van Oortmerssen (1950–2015) Nun ruhen alle Wälder ——- Joonas Kokkonen (1921–1996) Lux aeterna (1974)
Die heutige Orgelvesper ist etwas moderner als sonst. Neben Johann Sebastian Bach erklingen Werke von Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts. Dabei begegnen uns immer wieder alte Melodien und musikalische Ideen, die bearbeitet, verwandelt und in eine neue Klangsprache übersetzt werden. Johann Sebastian Bach war erst 27 Jahre alt, als 1713 in Weißenfels seine sogenannte Jagdkantate BWV 208 zum Geburtstag des Herzogs Christian von Sachsen- Weißenfels aufgeführt wurde. Aus dieser weltlichen Kantate stammt die Arie Schafe können sicher weiden. Ursprünglich wird sie von der Hirtengöttin Pales gesungen und von zwei Blockflöten begleitet. Das Bild der ruhig weidenden Schafe und eines guten Hirten passt dabei wunderbar zum Wochenspruch dieser Woche. Heute erklingt die Arie in einer Bearbeitung für Orgel. Das Prinzip der Bearbeitung begegnet uns auch in Bachs Wer nur den lieben Gott lässt walten, BWV 647. Das Werk gehört zu den sechs sogenannten Schübler-Chorälen, die Bach um 1747/48 für den Druck vorbereitete. Mindestens fünf dieser Stücke sind Bearbeitungen älterer Kantatensätze. BWV 647 geht auf ein Duett aus der 1724 entstandenen Kantate BWV 93 zurück. Auch der Choral selbst greift den Gedanken des Wochenspruchs unmittelbar auf: Vertrauen statt Sorge. Andries van Rossem (*1957) geht in seinem Oneliner von 2014 noch viel weiter in die Vergangenheit zurück. Das Stück wurde für eine Orgel mit mitteltöniger Stimmung komponiert und basiert auf den ersten fünf Neumen des gregorianischen Hymnus Urbs Jerusalem beata – „Selige Stadt Jerusalem“. Der Titel Oneliner ist ganz wörtlich gemeint: Das gesamte Stück ist als eine einzige musikalische Linie notiert. Durch die besondere kompositorische Schreibweise entsteht dennoch immer wieder der Eindruck von Mehrstimmigkeit. Kurze Figuren wiederholen sich teilweise wie ein Mantra und erinnern an Minimal Music – aus einer einzigen Linie entwickelt sich so ein ganzer Klangraum. Auch die Orgel der Rundkirche besitzt mit ihrer wohltemperierten Stimmung „Bach nach Kellner“ eine besondere Klangwelt. Anders als bei der heute üblichen gleichstufigen Stimmung klingen die Intervalle nicht in jeder Tonart genau gleich: Manche wirken reiner, andere etwas spannungsreicher. Auch Jacques van Oortmerssen (1950–2015) greift mit Nun ruhen alle Wälder auf eine jahrhundertealte Melodie zurück. Das bekannte Abendlied von Paul Gerhardt erzählt vom Ende des Tages: Die Arbeit ruht, die Welt wird still. Den Abschluss bildet Lux aeterna (1974) des finnischen Komponisten Joonas Kokkonen (1921–1996). Und auch hier begegnet uns noch einmal Bach: In einer Akkordfolge versteckt Kokkonen eine leicht veränderte, transponierte Anspielung auf das berühmte B- A-C-H-Motiv. Lux aeterna – „ewiges Licht“ – führt den Gedanken von Ruhe und Vertrauen schließlich über den Augenblick hinaus zu Licht und Weite. Vielleicht noch ein Gedanke zum Schluss: Auch Bach war einmal ein moderner Komponist. Seine Musik war neu und wurde von seinen Zeitgenossen keineswegs immer verstanden oder geschätzt. Heute ist Bach für uns fast zum Inbegriff des Barock geworden. Sagt man „Barock“, denkt man an Bach; sagt man „Bach“, öffnet sich eine ganze Welt des Barock. Was hat sich also verändert? Die Musik ist doch dieselbe geblieben